"Ich kriege gleich Gänsehaut" - Ausstellungspremiere in Bremen

Wanderausstellung mit 22 Displays
Wanderausstellung mit 22 Displays

„Ich ging direkt auf mich zu…und mir kamen sofort die Tränen“, das sind die ersten Worte, die Kerstin Hau zur Begrüßung findet. Tatsächlich war sie gerade unmittelbar auf die Leinwand mit ihren eigenen Tattoofotos zugegangen. Fotos, die sie zeigen in ihrem Schmerz, ihrer Trauer, Fotos von ihrem Tattoo. Die Wunde, die der Tod ihres 3jährigen Sohnes Charlie hinterließ. Jetzt sieht man auf ihrem Arm seine Kinderzeichnung und Handabdruck. Sie ist eine von über 20 Porträtierten einer deutschlandweit einmaligen Ausstellung „trauertattoo - Unsere Haut als Gefühlslandschaft“.

Es ist unsere Premiere auf der Messe „Leben und Tod“ in Bremen an diesem letzten Aprilwochenende 2016. Über zwei Jahre Arbeit liegen hinter Stefanie Oeft-Geffarth und mir, Katrin Hartig. Beschenkt werden wir an diesen zwei Tagen von mehr als hundert Besuchern und vielen berührenden, tief gehenden Gesprächen.

„Ich frage mich, ob ich das auch machen würde - so ein Tattoo stechen, wenn mir so etwas passieren würde.“ „Mir war das Thema bis eben ganz fremd.“ „Tattoos sind so gar nicht meins. Aber nachdem ich das alles gesehen und gelesen habe, kann ich es nachvollziehen, was die Menschen dazu bewegt hat.“ „Ich habe gar nicht gewusst, dass Tattoos auch etwas mit Trauer zu tun haben können“, diese und andere Sätze hören wir im Minutentakt. Es vergeht kein Augenblick ohne einen Besucher, ohne Fragen und regen Austausch. Manchmal werden Tränen weggewischt, vertiefen sich Menschen ins Gespräch. Hören wir Worte wie: „Ich kriege gleich Gänsehaut!“

 

Auf einmal ist unsere Ausstellungsfläche voll mit jungen Menschen. Gymnasiasten aus Bremen. „Wir sollen uns auf der Messe einen Stand aussuchen, der uns besonders interessiert, deshalb sind wir alle hier“, erklären sie uns den Ansturm. Cora und Vivica zeigen auf die Fotos von Kerstin Hau: „Wie viele Möglichkeiten es gibt Trauer auszudrücken“, staunen sie über die Phantasie der porträtierten Trauernden. „Das ist ein Thema, zu dem man nicht so viel findet“, sagen die 16- und 17jährige und stehen lange berührt vor den insgesamt 22 Displays. Und ein paar Schritte weiter blättern zwei weitere Mitschüler durch das begleitende Buch zur Ausstellung mit den ausführlichen Interviews. Inspiriert davon erzählen sie von ihren eigenen Tattoos: dem mit der Pfote vom Lieblingshund und dem Namen der Lieblingscousine. 

Unsere Ansichtsexemplare sind immer in irgendwelchen Händen. 

Gleich nebenan sitzt seit einer halben Stunde ein junges Paar. Sie flüstern: „Guck mal hier….“ Wir kommen ins Gespräch. Jemima Fiedlschuster zeigt auf ihren Unterarm, auf das Tattoo. Es ist ein kleiner Kiebitz: “Mein verstorbener Opa liebte Vögel. Er beobachtete sie regelmäßig.“ Ihr Freund David Gorus hat einen Schuppenkarpfen auf seinem Bein und den Ehering seiner Oma tätowieren lassen: „Sie hat mir diesen Ring vererbt.“ Solche Geschichten hören wir an den beiden Tagen in Bremen viele.

Skeptiker lernen wir auch kennen. Neugierige Skeptiker, sie bleiben „hängen“ an den Fotos und den Geschichten dazu. So auch eine Gemeindeschwester. Sie sagt am Ende ihres Besuches: „So habe ich das noch gar nicht gesehen. Ich bin überhaupt kein Tattootyp, aber ich verstehe es jetzt.“

Als sie hört, dass man die Ausstellung ausleihen kann, dass sie flexibel in jeden öffentlichen Raum stellbar ist - in Rathäuser, Kirchen, Foyers, Galerien - macht sie sich gleich Notizen. Aus allen Teilen Deutschlands kommen letztlich die ersten Anfragen. Nun heißt es für uns den Kalender füllen, damit die Ausstellung „trauertattoo - Unsere Haut als Gefühlslandschaft“ wirklich wandern kann.

Sechs unserer Porträtierten haben sich auf den Weg nach Bremen gemacht. Sie werden konfrontiert mit sich selbst, ihrem Innersten. Sie haben sich geöffnet, um ihre Trauer zu zeigen. „Es hat mich ganz schön geflasht“, sagt Andreas Becker. Tränen in den Augen. „Aber es ist gut so. Ich dachte nicht, dass es das auslöst.“ Das Tattoo als Kommunikationsangebot - wie auch die Ausstellung - es funktioniert. „Es ist ein gutes Gefühl“, sagt Kerstin Hau, „es ist noch einmal ganz anders, wenn man dann vor sich selbst steht!“ Vor seiner Geschichte, seinen Narben, seinen Gefühlslandschaften - nach außen getragen. Und mit den anderen, denen es auch so geht.

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Kommentare: 1
  • #1

    Darla Lones (Mittwoch, 01 Februar 2017 11:42)


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